3 Fragen an Hermann Heisig (Echokörper)

1. Was und wer ist für dich Community?

Ich würde Community ganz direkt im Sinne einer Gemeinschaft übersetzen, die durch ein bestimmtes Etwas miteinander verbunden ist. Also beispielsweise durch Religion, sexuelle Vorlieben oder ethnische Zugehörigkeit. aber auch ein gemeinsames Hobby oder einen Beruf. In diesem Sinne fühle ich mich als freier Choreograf und Performer z.B. als Teil einer Berliner und auch internationalen Community für zeitgenössischen Tanz, auch weil ich seit 20  Jahren in diesem Umfeld arbeite und sich dadurch viele künstlerische Verbindungen und Freundschaften ergeben haben.    
Community hat für mich viel mit Identität zu tun, und ist dadurch für mich auch ambivalent: einerseits als gemeinsame Kraftquelle und Orientierungspunkt, aber andererseits gibt es immer auch die Gefahr,  die Bestätigung der eigenen Identität, der jeweils eigenen Community über eine Abgrenzung nach aussen zu erreichen.
Insofern liegt eine gewisse Utopie von Community auch in temporären Gemeinschaften jenseits klar abgezirkelter identitärer Grenzen. Möglicherweise, und das ist eine immer wiederkehrende Herausforderung, geht das in der Kunst! 

2. was definiert Tanz?

Auf einer der letzten Proben von Echokörper haben wir z.b. über das Verhältnis zwischen Tanz und Musik gesprochen, für einige der Teilnehmer‘innen des Echokörper- Workshops gehört Musik ganz unbedingt zum Tanz dazu. Das ist für mich ein bisschen anders. Obwohl ich die Verbindung zwischen Klang und Bewegung wahnsinnig spannend finde und z.B. 2019 ein Tanzsolo entwickelt habe, in dem ich gleichzeitig Stimme und Bewegung als Ausdrucksmittel nutze, ist meine Definition von Tanz nicht die einer Bewegung zur Musik.  Eigentlich braucht es für mich weder Musik noch andere Mittänzer*innen und auch nicht zwingenderweise ein Publikum, um eine Bewegung Tanz zu nennen.  Einer meiner Lehrer hat einmal Tanz als artificially staged action beschreiben, also als eine künstlich inszenierte Bewegung. Beispielsweise der Moment, in dem man sich der Bewegung, die man macht, bewusst wird und dann anfängt, damit zu spielen.

Im Echokörper- Workshop haben wir zunächst ohne Musik begonnen zu proben, vor allem um zu sehen, was Körper ganz für sich können. Welche Emotionen und Bewegungen verstecken sich in ihnen? Und wie reagieren sie aufeinander? Es geht um ein Echo auf körperliche Impulse, wie der Name des Workshops schon verrät. Dafür ist es wichtig einander zuzuhören, ob den Geschichten aus der Biographie oder den Bewegungen des Gegenübers. Bald wird aber womöglich trotzdem Musik zur Bewegung stoßen, schließlich spielt ein Teilnehmer Gitarre, was eine Chance für Live Musik bietet!

3. Wie geht es für die Echokörper im Lockdown weiter?

Immerhin konnten wir uns seit September fünfmal treffen, trotz geringem (körperlichen) Kontakt und der Tatsache, dass alle Teilnehmenden zu Corona-Risikogruppe gehören. Das Engagement, das die Senior*innen zeigen, beeindruckt und freut mich sehr. Wie es jetzt im November weiter geht, wird sich noch zeigen. Wir planen, den Workshop zumindest in nächster Zeit von Zuhause aus stattfinden zu lassen, auf digitalen, aber möglicherweise auch sehr analogen Wegen. Vielleicht bietet der Lockdown auch eine Chance für die aktuelle Probenarbeit, z.B. die eigene Biografie als Quelle für Performance zu nutzen, was mich auch in der Arbeit mit älteren Menschen sehr fasziniert. 

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